Romanze mit der Revolution
A Romance with Revolution

ACC Galerie Weimar | 18. August - 12. November 2017

Museum Of Nonconformistic Art St. Petersburg | 14. Oktober - 12. November 2017

Der Mensch kann auch als Individuum nicht ohne Gemeinschaft existieren, da er sich - von Fürsorge abhängig - als soziales Wesen entwickelt hat. Vielfältige Formen des Zusammenlebens mitsamt der Entstehung der Sprache begleiteten diesen Prozess.

Frühe Gesellschaften entwickelten sich zumeist noch langsam und stetig, wurden in der Folge aber oftmals spontan und gewaltsam umgeformt, um hierauf wieder in einem Prozess von Konsolidierung und Stabilisierung längerfristigen Bestand zu suchen.

Norbert W. Hinterberger untersucht in vielen seiner Werke diesen Zusammenhang von solide gewachsenem Selbstverständnis und dessen Infragestellung, den permanenten Prozess von Konsolidierung und Auflösung und die Frage, in welchen Formen Veränderungen stattfanden und stattfinden sollten: als kultivierter Diskurs oder gewaltsamer Akt.

Die russische Revolution begann jedenfalls mit dem Kanonenschuss der „Aurora“, die als Modell im Maßstab 1:100, gebaut aus Brot, sowohl das Motto „erst kommt das Fressen, dann die Moral“ als auch die Parole der russischen Revolution „Friede, Land, Brot“ verkörpert.







„Die gescheiterte Hoffnung (nach C. D. Friedrich)“

Installation (Brot, Holz, Bindfaden)


Revolutionen verlaufen zumeist blutig.

In diesem Sinne steht das Kriegsschiff Aurora auch für den gewaltsamen Umsturz Russlands durch die so genannte Oktoberrevolution.

Der Panzerkreuzer, der am 7. November 1917 mit dem ersten Kanonenschuss die Erstürmung des Winterpalais und damit die Kampfhandlungen eröffnete, liegt als nunmehriges Museumsschiff an der Neva in St. Petersburg.

Die Aurora, schon vor den historischen Ereignissen benannt nach der antiken Göttin der Morgenröte, beschwört also das Herannahen einer neuen Zeit und die damit verbundene Hoffnung auf eine Besserung der Lebensumstände.

Als Mahnmal, im Fluss schaukelnd, bringt sie aber auch in Erinnerung, was von diesen Erwartungen verwirklicht und welche Opfer gebracht werden mussten.

Gemäß der seinerzeitigen Parole „Friede Land Brot“ wurde die Aurora im Maßstab 1:100 aus Brot gebaut und findet sich gefangen in einem Meer aus Brot, das sich zu Eisschollen auftürmt und das Schiff gefangen hält.

Assoziationen zu Caspar David Friedrichs „Eismeer“, das bis 1965 als „Gescheiterte Hoffnung“ betitelt wurde, sind durchaus gewollt und haben der Installation in der ACC Galerie Weimar auch den Namen verliehen.




Die Aurora hat sich für die Präsentation in St. Petersburg in Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ eingeschlichen und zeigt ihre sich drehenden Kanonen und rot wehenden Fahnen.

Film-Szenen mit dem gewalttätigen Kapitän werden ergänzt durch den Judoka Wladimir Putin, der seine Gegner auf die Matte wirft, andererseits tritt er auch als stolzer Bomberpilot vor die Journalistenmeute.

Die berühmte Treppenszene von Odessa mit ihren unschuldig gemeuchelten Menschen wird mit syrischen Kriegsopfern konfrontiert.

Norbert W. Hinterberger, 18. 8. 2017