Arte in Memoria 10
Biennale Internazionale di Arte Contemporanea
Sinagoga di Ostia Antica
| 20. Januar – 30. April 2019
a cura di Adachiara Zevi

Zerstreute Köpfchen / Kommunizierende Gefäße

Auffallend an der Synagoge mit ihren verbliebenen vier Säulen sind die fehlenden Kapitelle, wovon auf älteren Photos noch drei auf ihren Säulenschäften ruhen. Als korinthische Kapitelle mit ionischen Voluten ähneln diese stilistisch den kleineren Säulen des Thoraschreines.

Das Wort Kapitell entspringt aus dem lateinischen Caput, der Kopf; das Capitellum verweist – zumindest im Deutschen – als Köpfchen durchaus auf den doppeldeutigen Sinn neben seiner tragenden Funktion auch auf besondere Klugheit.

Die fehlenden Kapitelle werden ersetzt durch kommunizierende Gefäße aus Terrakotta mit Gravuren von Städten, in denen sich - weltweit verstreut - bedeutende Synagogen befanden und eventuell noch befinden (Jerusalem, Addis Abeba, Recife und Berlin). Kommunizierende Gefäße symbolisieren gleiches Niveau und verweisen im konkreten Sinne auf global vernetzte Traditionen und Rituale.

Als Abakus dient jeweils ein großformatiges Buch, welches auf den wichtigen Beitrag und die herausragende Bedeutung der Schrift in der jüdischen Kultur verweist.

Wenigstens ein Kapitell soll auf einer Säule positioniert werden, die restlichen drei liegen zerstört auf dem Boden – eine Parallele auch zu den zerbrochenen Gefäßen in der Kabbala als Teil des Schöpfungsprozesses.

Die Säulen samt ihren neuen Buch-Kapitellen können auch als „Stützen der Gesellschaft“ interpretiert werden – eine Tatsache, welche Andersgläubigen nicht immer in ihrer ganzen Tragweite bewusst war / ist.

Verfolgung und Gefährdung des Judentums in Vergangenheit und Gegenwart finden ihre Entsprechung in den herabgefallenen zerstörten und teilweise verbrannten Kapitellen.


Norbert W. Hinterberger,
20. Oktober 2018