Arte in Memoria 10
Biennale Internazionale di Arte Contemporanea
Sinagoga di Ostia Antica
| 20. Januar – 14. April 2019
a cura di Adachiara Zevi

Zerstreute Köpfchen / Kommunizierende Gefäße

Kontextbezogene Installation in der antiken Synagoge von Ostia Antica bei Rom


Am 20. Januar 2019 wurde die 10. Biennale von ArteInMemoria in der Synagoge von Ostia Antica eröffnet. Bis 14. April 2019 werden auch die Arbeiten von Ruth Beraha (Italien), Zbigniew Libera (Polen) und Karyn Olivier (Trinidad und Tobago) zu sehen sein.

Die erst 1961 im Zuge eines Straßenbaus zum Flughafen von Rom entdeckte Ruine gilt als eines der ältesten archäologischen Zeugnisse des Diasporajudentums. Identifiziert als Synagoge durch das Relief einer Menora war sie vom 1. nachchristlichen bis zum 4. Jahrhundert als jüdische Ritualstätte in Verwendung.

Seit 2002 verleihen internationale Künstler diesen Überresten eine zeitgenössische Interpretation, darunter Giulio Paolini, Jannis Kounellis, Sol LeWitt, Lucio Fontana, Giovanni Anselmo, Lawrence Weiner, Daniel Buren, Giuseppe Penone, Richard Long, Jochen Gerz und Horst Hoheisel.


Auffallend an der Synagoge mit ihren verbliebenen vier Säulen sind die fehlenden Kapitelle, wovon auf älteren Photos noch drei auf ihren Säulenschäften ruhen. Die korinthischen Kapitelle mit ionischen Voluten weisen Ähnlichkeit mit den kleineren Säulen beim Thoraschrein auf.

Das Wort Kapitell entspringt aus dem lateinischen Caput, der Kopf; das Capitellum verweist als Köpfchen neben seiner tragenden Funktion auch auf besondere Klugheit.

Die fehlenden Kapitelle werden teilweise ersetzt durch kommunizierende Gefäße aus Terrakotta mit Gravuren von Städten, in denen sich - weltweit verstreut - bedeutende Synagogen befanden und auch noch befinden (Jerusalem, Addis Abeba, Recife und Berlin). Kommunizierende Gefäße symbolisieren gleiches Niveau und verweisen im konkreten Sinne auf global vernetzte Traditionen und Rituale.

Als Abakus dient jeweils ein großformatiges Buch, welches auf den wichtigen Beitrag und die herausragende Bedeutung der Schrift in der jüdischen Kultur verweist.

Das Kapitell namens „Jerusalem“ wird neben einer Säule positioniert, beschwert mit Berliner Ruinenteilen vom Teufelsberg. Die restlichen drei Ersatzkapitelle finden sich zerstreut als herabgefallene Bücher und Scherben auf dem Boden – eine Parallele auch zu den zerbrochenen Gefäßen in der Kabbala als Teil des Schöpfungsprozesses.

Die Säulen samt ihren Buch-Kapitellen können auch als „Stützen der Gesellschaft“ interpretiert werden – eine Tatsache, welche in vergangenen und zeitgenössischen Gesellschaften nicht immer in ihrer ganzen Tragweite geschätzt wurde.

Verfolgung und Gefährdung des Judentums quer durch alle Jahrhunderte finden ihre Entsprechung in den herabgefallenen und zerstörten Kapitellen.

Die Abakus-Bücher werden dem natürlichen Verfall ausgesetzt, eventuell lose Blätter werden - über das Gelände verstreut - auch die Diaspora symbolisieren.


Norbert W. Hinterberger
Ende Januar 2019