Dr. Gerda Wendermann

Norbert W. Hinterberger

 

Der österreichische Künstler Norbert Hinterberger setzt sich auf eigenwillige und hintergründige Weise mit den Arsenalen der Erinnerung auseinander, den in Museen, Archiven und Bibliotheken angehäuften und katalogisierten Schätzen an Wissen und Kulturgut. In einem ironischen Vexierspiel kehrt er den Kampf der Moderne gegen museale Konventionen um und erfindet mit den Mitteln eines fiktiven Realismus ´Sammlungsstücke`, die vorgeben, historisch authentische Kunstwerke oder Artefakte zu sein. Kunstschaffen wird hier identisch mit Kunstsammeln. Erst im Zustand des Ausgestelltseins, im Kontext eines realen Museums mit seinen realen Sammlungsbeständen, entwickeln seine Werke ihre eigentliche Aussagekraft.

In seinen Werken, die Installationen, plastische Arbeiten und Zeichnungen umfassen, wirft Hinterberger nachdrücklich Fragen auf nach dem Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion, von Spekulation und Phantasie. Er erfindet Geschichte(n) und erfüllt seine Objekte mit Geschichte(n), schafft Erinnerungen, Anekdoten neu. Dass er sie explizit in einem größeren kunst- und kulturgeschichtlichen Zusammenhang verstanden wissen will, zeigte sein mehrteiliger Ausstellungszyklus zu den Themen „Das Bildungsprogramm“ (1997), „Das Architekturprogramm“ (1999) und – als Abschluß - „Das Schöpfungsprogramm“ (2003). In der Tat bezog er sich im „Bildungsprogramm“ unter anderem auf die Kunst- und Wunderkammern des 16. Jahrhunderts als Vorläufer des heutigen Museums. Die Kunstkammern boten nicht nur eine Verklammerung von historischen, geographischen und ethnisch fremden Kulturen in Gegenüberstellung zu den Bereichen der Natur, sondern auch einen Übungsraum der Verschmelzung von Sinn und Form. In Anspielung auf die hier verwahrten wundersamen und wunderlichen Objekte treten auch viele Werke Hinterbergers als Kuriositäten auf, die einen Überraschungs- und Erkenntniseffekt provozieren.

Während die Arteficialia und Naturalia der Kunst- und Wunderkammer dem Erstaunen und der Belehrung, letztlich auch der Forschung dienen sollten, setzt Hinterberger seine Werke darüber hinaus als Instrumente der Selbstreflexion und Selbstvergewisserung der Kunst ein. Mit seinem komplexen „Schöpfungsprogramm“ schuf er zudem eine Art Enzyklopädie, die systematisch geordnet seinen Kosmos an Bildern, Informationen und Kontexten im Spannungsfeld von biblischer Schöpfungsgeschichte und wissenschaftlicher Evolutionstheorie in der Nachfolge Darwins vorstellte. An dieses Thema anknüpfend, entstand im Jahr 2006 die umfangreiche Serie „Der Mensch, seine Natur und Stellung in der Welt“, die seine Arbeiten zum Verhältnis von Mensch und Natur, Natur und Kunst zusammenfaßte. Auch in der hier ausgestellten, aus einem „Expeditionsbuch“ und bearbeiteten „Naturalia“ bestehenden, mehrteiligen Installation „Natur-Wunder/Kunst-volle-Ordnung“, die während einem seiner jährlichen Aufenthalte am Amazonas entstand, ist unterhalb der spielerisch-ironischen Oberfläche eine große Faszination für die Wunder der Natur zu spüren – und die Trauer um ein verlorenes Paradies.

(2006)


aus:
Kai Uwe Schierz: Wunder über Wunder: Wunderbares und Wunderliches im Glauben, in der Natur und in der Kunst. Ausstellungskatalog.
(Erfurt: Kunsthalle, 2007).



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